Gelbwesten

Ich habe bis jetzt aus meinem weiten Berlin die Gelbwesten-Bewegung mit großer Distanz betrachtet. Dazu halfen mir meine kritische Medien-Landschaft und meine klassisch politische Weltanschauung gewiss. Gestern hat Mediapart über die Gelbwesten von Commercy und ihre Initiative in Richtung direkte Demokratie berichtet. Ich habe mir den „2. Aufruf“ aus dieser 5000-Einwohner-Stadt mehrmals angeschaut. Die Klarheit des Anliegens, die Aufgeschlossenheit, die offensichtliche Integrität und die Würde dieser Menschen hat mich beeindruckt.

Ich versuche hier den Aufruf zusammenfassend zu übersetzen.

2. Aufruf aus Commercy

Mit der Wut im Bauch […] bleibt unsere Kampfentschlossenheit unversehrt. Wir sind dadurch ermutigt, dass die Machthaber anfangen, auf ihrem Sockel zu zittern. […] Wir lassen uns nicht weiter mit Krümmeln zufrieden stellen. […]
Wir lernen zusammen, uns zu respektieren, uns zu verstehen, uns in unserer ganzen Vielfalt zu schätzen. Wir verbinden uns. Wir probieren neue Funktionsweisen, die die Machthaber uns nicht wegnehmen können.
[…] Wir haben verstanden, dass der echte Feind die Gruppe von Leuten ist, die einen ungeheuren Reichtum besitzt, den sie nicht mit der Gesellschaft teilt. […] Steuergeschenke sind inakzeptabel. […]
Wir haben verstanden, dass wir fähig sind, uns selber zu vertreten, ohne Puffer zwischen den Machthabern und dem Volk, ohne die Parteien, die Ideen nur zu ihrem Gunsten missbrauchen, ohne mittlere Organisationen. […]
Wir sind stolz auf das neue Bewusstsein von vielen, das einen ersten Sieg über das erdrückende System bedeutet, […] über das System und seine Vertretung durch die Regierung, die die soziale Gesetzgebung, soziale Bindungen und unseren teuren Planeten systematisch zerstören. […]
Wir wollen die ersten Erfolge ausweiten – ohne Eile […]. Nehmen wir uns Zeit, denken wir soviel nach, wie wir agieren. Wir müssen überall Bürgerversammlungen organisieren, in menschlicher Dimension, wo alle das Wort nehmen und allen zugehört wird, wo alle unsere bürgerrechtlichen, egalitären, sozialen und ökologischen Forderungen kollektiv definiert werden und durch Vertreterinnen und Vertreter umgesetzt werden – nicht umgekehrt wie im heutigen System! […]
Einige Personen bezeichnen sich selbst als politische Vertreter. Doch unsere Stimmen lassen sich nicht im politischen Irrgarten vertreten und wir behaupten noch einmal die absolute Notwendigkeit, dass niemand unser Anliegen an sich reißen kann. […]
Die Regierung will jetzt Bürgermeister Cahiers de Revendications (Forderungskataloge) erstellen lassen. Wir befürchten, dass dadurch unsere Forderungen umgemodelt werden und dass unsere Vielfalt nicht widerspiegelt wird. Die Forderungskataloge sollen nur durch Bürgerversammlungen, durch das Volk und für das Volk, erstellt und gehalten werden. […] Wir werden einen authentisch demokratischen, kollektiven Organisationstyp entwickeln, mit kontrollierten Delegationsebenen. […] Organisieren wir zusammen die Versammlung der Versammlungen, die Gemeinde der Gemeinden! Es ist der Sinn der Geschichte – es ist unser Vorschlag.
Es lebe die Macht dem Volke, durch das Volk und für das Volk !

Klingt es nicht wie in der DDR 1989 ?

Screenshot (https://youtu.be/2OjCesZRf_I)

Mit Für ein offenes Land mit freien Menschen fing es an… Anhand der Slogans vom Herbst 1989 kann man sich einen schönen Überblick über die Forderungen der Leute auf den Straßen von Berlin, Plauen und Leipzig verschaffen. Das Leitmotiv etw „Gegen die Privilegien“ stand am ersten Platz. Gilets Jaunes dito.

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